Arnulf Rohsmann
Melitta Moschik KÄRNTNER ANSICHTEN

Das Projekt der Kärntner Ansichten ist dreiteilig.
Im Zentrum steht der Versuch, ein räumlich beschränktes soziokulturelles Gefüge aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu definieren. Diese kollektive Präsentation ist eine konzeptuelle Arbeit von Melitta Moschik und Werner Hofmeister, die programmatisch die Grenzen von sogenannter Hochkultur und Trivialkunst ignoriert.
Beide Künstler befassen sich in autorenzentrierten Beiträgen mit der Modifikationsfähigkeit von visuell vermittelten Zeichen bis zum Schwellenwert des Identitätsverlustes: Melitta Moschik expliziert das an Hand von Porträts, Hofmeister mit der lettristischen Basis eines Firmenlogos.
Melitta Moschik wählt 48 Personen aus dem sogenannten Kulturleben, reduziert ihre Portraits auf die für die Merkzeichen relevanten Gesichtspartien von Augen und Nase und digitalisiert sie in niedriger Auflösung.
Das Reservoir für die Selektion war das Bildarchiv eines lokalen Pressefotografen. seine Portraitauswahl ist durch die Auftragslage fremdbestimmt, die Streuung der Interessen für die Auswahl ist hoch, der Spielraum für die subjektive Auswahl bleibt gering.
In diesem Fundus finden sich bedeutende und unwichtige Künstler, Kulturpolitiker und Kunstvermittler – solche, die das bestehende System erhalten, und solche, die es konstruktiv in Frage stellen. Dazu gesellen sich noch einige medienwirksame Kläffer.
Die Portraits sind, so Melitta Moschik, >genauso zusammengewürfelt< wie die topografischen Kärntner Ansichten. Die Dargestellten sind Repräsentanten von Ansichten, deren Realisation und Vermittlung sich im diffusen Begriff des >kulturellen Klimas< summieren. Sie sind Täter und Opfer, Akteure und Freiwild.
Die Subkultur ist nicht vertreten. sie agiert ohne personale Repräsentanten. sobald sie sich über ihre Protagonisten vermittelt, nähert sie sich der sogenannten Hochkultur und heischt nach Akzeptanz. Gegenwärtig ist sie nicht mehr deren Gegenbild; vielmehr ist sie in der Stringenz ihrer Themenansätze und ihrer Professionalität aufgegangen.
Die Personen sind durch die niedrige Auflösung anonymisiert, so wie Gangster oder schützenswerte im TV. Kulturpolitische Präferenzen können ihnen exakt zugeordnet werden. Das Identifikationsspiel bildet das spiel der Vermutungen ab. die Normsicht gerät ins Wanken.

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