Werner Schandor
Melitta Moschiks künstlerische Codierungen

VIA – AIRPORTJOURNAL GRAZ, Ausgabe 4 | April 2000
Seite 5, 79,80,81,82
Hrsg. Media Consult Austria – Flughafen Graz Ges.m.b.H

“Meine Arbeiten wirken auf viele sehr rational. Aber nur an Fakten kann man sich widerspiegeln.” Melitta Moschik
Im Skulpturenpark des Landeskrankenhauses Klagenfurt steht seit 1997 eine 1,70 Meter hohe eckige Klammer aus Edelstahl durch die man wie durch ein Tor durchgehen kann. In der Mathematik legt die eckige Klammer den Umfang einer Menge fest. In diesem Sinn werden auch die Passanten der Klammer-Skulptur im LKH Klagenfurt als Datenkörper erfasst – eine Anspielung auf die Kontroll- und Untersuchungsmechanismen der Medizin, in der Patienten durchleuchtet, analysiert und nach ihren Befund-Daten bewertet werden.
Die eckige Klammer von Melitta Moschik im Klagenfurter LKH stellt aber auch so etwas wie eine inhaltliche Klammer dar, in die man die Arbeiten der Künstlerin insgesamt fassen konnte. Moschik stammt aus Villach, sie lebt und arbeitet seit ihrem Studium der Mathematik und Physik in Graz. Danach studierte sie metallische Produktgestaltung an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien und widmet sich seither der Kunstproduktion. Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit sind “Kunst am Bau” – Projekte, wo sie zahlreiche Ausschreibungen gewann. In etlichen Personalien und Ausstellungsbeteiligungen in den letzten zehn Jahren – darunter in Peter Weibels großer Schau “Jenseits von Kunst”, die in Graz, Budapest und Antwerpen zu sehen war – beschäftigte sie sich mit der Decodierung binärer Informationen. In ihren jüngsten Arbeiten zeichnen sich eine Hinwendung zur Unschärfe der “Fuzzy Logic” und eine stärkeres Gewichten der Interaktivität ab.

Die eckige Klammer stand 1996 auch am Eingang ihrer Ausstellung “Image Research” (Bilderforschung) in der Kärntner Landesgalerie in Klagenfurt. In dieser Ausstellung war eine Reihe von Arbeiten zu sehen, die alle eines gemeinsam hatten: die Beschäftigung mit Datenmengen und der Information, die sie beinhalten. Wenn man durch die Stahl-Klammer hindurch die Ausstellung betrat, sah man sich einer Reihe von großflächigen, sandgestrahlten Piktogrammen auf Spiegelglas gegenüber. Sie zeigten zwei Typen von abstrahierten menschlichen Figuren, die zu Gruppen angeordnet waren, gleich wie in Grafiken über Bevölkerungsentwicklungen oder Todesfällen. Nur dass in Melitta Moschiks Piktogrammen jeglicher Bezug oder Verweis auf die abgebildeten Größen fehlte. Vielmehr thematisierte sie in den “Binary Tree” (Binärbaum) genannten Arbeiten die Darstellungsweise an sich. Die Reduktion auf Ja/Nein, 0 und 1, die den elektronisch verwerteten Daten unserer Informationsgesellschaft zugrunde liegen, wurde von Moschik nochmals einem Reduktionsprozess unterzogen. “Codierungen sind für mich ein künstlerisches Mittel, um mit objektiven Strukturen zu arbeiten, sie in eine visuelle Form zu bringen und der Frage nachzugehen, welche Kommunikationsstrukturen es gibt und wie sie aufgenommen werden.”

Schlüsseltechnologien
Die Codierungen, mit denen sich Melitta Moschik von Anfang an beschäftigt hat, sind die gleichen, die den gegenwärtigen Schlüsseltechnologien – Informations- und Biotechnologie -zugrunde liegen. Es ist die Sprache der Computerprogrammierung und der DNA-Struktur.
Eine weitere Arbeit der Ausstellung “Image Research” beschäftigte sich mit der Zusammensetzung von Computerbildern. Zu sehen war ein Selbstporträt der Künstlerin, das in relativ große Bildraster (Pixels) unterteilt und in acht Graustufen zerlegt war. Die Pixelformationen jeder dieser Graustufen wurden wiederum mittels Sandstrahlung aus einem Spiegelglas herausgearbeitet. Auf den acht hintereinander angeordneten Spiegelglasflächen erkannte man aus einiger Entfernung das Bild der Künstlerin, während man auf den einzelnen Scheiben bzw. aus geringerer Entfernung nur abstrakte Muster wahrnehmen konnte. Die binäre Wirklichkeit, so könnte man interpretierend folgern, ist ein Vexierbild, bei dem es darauf ankommt, dass Produzenten und Rezipienten in denselben Kategorien denken und sich über die Rasterung einig sind. “Raster interessieren mich seit jeher”, sagt Moschik. “Ich habe immer versucht, formalen Prinzipien nachzugehen, und habe dabei das Raster als Gestaltungsprinzip übernommen.” Nicht immer sind die Inhalte ihrer Arbeit sofort lesbar, “aber die Leute verstehen das schon. Eine Pädagogisierung ist gar nicht angebracht. ” Dafür sorgt auch, dass sie ihre “Kunst am Bau” – Projekte in Beziehung zur Umgebung setzt. Als sie zum Beispiel die Gesichtspartien von 48 prominenten Kärntnern in einer niedrigen Raster-Auflösung in einem Aufenthaltsraum der Bundespolizei- und Sicherheitsdirektion Klagenfurt anbrachte, wurden, so Moschik “Anonymisierung und Rasterung in ihrer Bedeutung sofort erkannt.”
Interaktivität
In ihren jüngeren Arbeiten nimmt die Interaktivität einen wichtigen Platz ein. In der Wasser-Licht-Plastik “Wassersäule” auf dem Villacher Rathausplatz hängt die Höhe und Beleuchtung der Wasserfontäne von der Belebtheit des Platzes ab. Die Bewegungen auf dem Platz werden rund um die Uhr mit einem digitalen Kamerasystem erfasst und beeinflussen dann die Höhe der Wasserfontäne. Ein ähnliches Prinzip steht hinter dem Projekt “Urban Interface 2000, das auf dem Grazer Lendplatz realisiert werden soll. Zwei 11 Meter hohe Metallstelen mit integrierten Info-Screens werden an der Mittelinsel im Kreuzungsbereich Keplerstraße den Lendplatz als Ort der Kommunikation markieren. Über ein Computersystem werden die Displays der Stelen sowohl mit aktuellen Zustandsdaten des Ortes (Datum, Zeit, Verkehrsdichte, Geräuschpegel), Umweltdaten (Temperatur, Luftgüte) als auch mit poetischen fragmentarischen Texten, Statements und Botschaften zum Thema Stadtraum bespielt. Die elektronischen Lichtsäulen sind zugleich Sender und Empfänger urbaner Botschaften. “Ich glaube, dass die Kunst im Allgemeinen verstärkt in Richtung Interaktivität gehen wird”, ist Moschik überzeugt. “Die Rezipienten sind bereits so gesättigt, dass es wichtig ist, Reize zu liefern, auf die der Betrachter reagieren kann. ”

Die Interaktivität in Melitta Moschiks Kunst steht in engem Zusammenhang mit einem zweiten Schlüsselbegriff, der sich von Anfang an durch ihre Arbeiten zieht dem der Schnittstelle. “Schnittstellen” nannte sich ihre erste Ausstellung anno 1990 im Ecksaal des Landesmuseums Joanneum in Graz. Ihre Version von “User
Interfaces” (Benutzerschnittstellen) zeigte sie in ihren jüngsten Ausstellungen in Graz und Wolfsberg. Peter Weibel lokalisierte in den Reduktionen und Entleerungen der Bildinhalte, wie sie in Moschiks Ausstellung “User Location” in der Neuen Galerie in Graz 1999 zu sehen waren, einen Entgrenzungsversuch, der zu einer formalen Erweiterung des Kunstbegriffes führen soll. Moschik präsentierte stark stilisierte, überdimensionierte und übereinandergelappte User Interfaces, Computer- Eingabemasken, wie man sie von den Programmen” Word” oder “ExceI” kennt. Die Interfaces waren allerdings leer, nur eines der jeweils drei bis vier Interfaces war von einem Spiegel ausgefüllt. So wie Computerbenutzer sich in den Raum-Zeit- Löchern des Internets verlieren, so dazu die Kunsthistorikerin Kerstin Braun, berühre Moschiks Installation “User Location” auch DIE philosophische Fragestellung der Gegenwart, nämlich: “Wo befinde ich mich, wenn ich überall bin?”
Der inhaltliche Fluchtpunkt von Moschiks Arbeiten ist die Reflexion in mehrfachem Sinn: Als Nachdenkprozess wie auch als konkrete Spiegelung. Moschik: “Meine Arbeiten wirken auf viele Leute sehr rational. Aber letztendlich kann man sich nur an realen Fakten widerspiegeln. Indem ich immaterielle Strukturen in Material einbringe, möchte im Realitätsstrukturen in ihrer Musterhaftigkeit aufzeigen und bewusst machen. ” – So hart, glatt und kalt wie die Fakten des modernen Lebens sind auch die Materialien, mit denen Melitta Moschik bevorzugt arbeitet: Nirosta-Stahl und Glas. “Ich versuche dabei, ein neues Formenvokabular zu entwickeln.” Die Entwürfe zu ihren Installationen und Skulpturen fertigt Moschik am Computer; die Ausführung der zum Teil sehr aufwändigen Arbeiten werden von Professionisten getätigt.
Während sich viele Künstler von der Gegenständlichkeit zur Abstraktion entwickeln, begibt sich Melitta Moschik in einer aktuellen Arbeit auf den umgekehrten Weg: “Digitaler Schein 2000” zeigt im sakralen Rahmen auf der Strassburg in Kärnten die 3-D-Animation einer weißen Taube, die als Bildschirmschoner in einer Endlosschleife durch die digitalen Weiten segelt. Moschik: “Die Taube, Symbol des Heiligen Geistes, steht für den Computer- User, der in der Internetwelt nach Orten sucht, die ihn letztendlich befriedigen.”