Textbeitrag in: GRAZ derzeit
Hrsg. Stadt Graz, Seite 22, November 1995
Ihre jüngste Arbeit – Titel: “binary trees”. “Binäre Bäume” gibt es virtuell und real. Und doch nicht ganz wirklich. Vorerst. Was der Erläuterung bedarf. “Binäre Bäume” sind elementare Datenstrukturen, die in vielen Bereichen der Informationsverarbeitung und der Datenanalyse zur Darstellung grundsätzlicher Zusammenhänge und Entscheidungsstrategien verwendet werden. Von der Wurzel aus verzweigen sich die Wege zu den einzelnen Blättern (Ergebnissen). Das Verzweigungsmuster entspricht dem Wachstumsmodell biologischer Bäume, jedoch in umgekehrter Richtung: die Wurzel weist nach oben, die Blätter nach unten”.
Erläuterung 2: Melitta Moschiks “binary trees” existieren momentan als Grafik im Computer. Sie bestehen auch als fast fünf Meter hohe Metallplastiken, aber nicht an jenem wirklichen Ort, für den sie bei Waagner- Biro aus Stahl gefertigt wurden: Im Skulpturenpark beim steirischen ORF-Landesstudio nämlich, im Rahmen des diesjährigen “steirischen herbstes” hätten sie aufgestellt werden sollen.
Anmerkung zur Erläuterung 2: Dortselbst sollen sie aber im kommenden Jahr Platz finden, falls (was zu hoffen ist) bis dahin eine längerfristige Planung für das Areal unter Dach und Fach ist (der ursprüngliche Vertrag zwischen ORF und Land Steiermark läuft mit Ende dieses Jahres aus).
“binary tress” ist Melitta Moschiks bisher aufwendigste Arbeit. Auch in den 3 Dimensionen. Die 1960 in Villach geborene Mathematikerin und Physikerin mit Wohnsitz in Graz und Wien – welcher der Einstieg in die bildende Kunst vor einigen Jahren mit ungewöhnlichen Schmuckobjekten gelang – führt die Verschmelzung von Wissenschaft und Kunst, der sie sich verschrieben hat, konsequent weiter.
Ähnlich wie in “random access information” (im Vorjahr in der Grazer Landesfinanzdirektion) oder bei “connected” (Minoriten Graz, ebenfalls 1994) gestaltet Moschik (die an der nagelneuen Grazer Fachhochschule für Industrial Design lehrt, auf der eher spröden Basis binärer Codes Skulpturen eines neuen Typs: das immaterielle Universum von 0 und 1 erfährt seine Übersetzungen in anschauliches, angreifbares Material. Moschik punktet damit doppelt: bei High-Tech-Freaks ebenso wie bei Kunst- Freunden, die “Plastik” noch als etwas anderes verstehen denn als Grundmaterial für Mikrochips.
