Personalausstellung: Melitta Moschik – Schnittstellen
Neue Galerie, Studio, Oktober 1991
Melitta Moschik Metallplastiken
Die Mehrschichtigkeit und die Mehrdeutigkeit von einfachen, gereihten Formen und die Variation in ihrer Anordnung ist das Thema ihrer elfteiligen Arbeit »Schnittstellen«. In einer prozessualen Entwicklung ordnet sie die Arbeiten in Gruppen. Die Kreisscheiben aus 3 mm starken Nirostastahlblech und einem Durchmesser von 45 cm entwickeln sich von einem Null-Objekt zu einer in sich geschlossenen zentralen Form. Sie zeigt uns das schlichte Material in einer Kreisfläche als Ausgangspunkt und lässt uns nun von Stück zu Stück dem Formwandel des gleich bleibenden Motivs erleben. Von Unten wird in die Metallplatte die Perforation eingebracht, von einer stabartigen Mittelachse ausgehend, sehen wir je 20 in einer Kreisform endende Einschnitte. Ihre Bestimmung ist aufgrund ihrer mehrdeutigen Interpretationsmöglichkeit nicht festzulegen. Die Welt der Chips und Lochkarten sind die eine Anschauungsmöglichkeit, die in einer herben und schlichten Ästhetik in sich beschlossen sind. Daneben offeriert uns die subjektive Seherfahrung Assoziationen an Pflanzliches, Blatthaftes, an Organisches, das wir in diesen Formen sehen, weil wir gelernt haben die Schemata der Wissenschaft und die Welt der Diagramme zu lesen. Die grundsätzliche Spannung von Kreisfläche und Kreisschnitt, der planen Fläche zu der feingliedrigen Perforation, der Kompaktheit des Metalls zum Spiel von Licht und Schatten in der Perforationszone erweitern die Vielschichtigkeit auf das Gebiet des Visuellen. Die strenge Vertikalität in der unteren Kreishälfte suggeriert Statik, Stille durch Bewegungslosigkeit und Zeitlosigkeit.
In der Platte Nr. 3 tritt das Moment der Bewegung hinzu. Die Stabform ist kreisringsegmentartig gebogen, die Ästelungen folgen dieser Bewegung, die Spannung enthebt die Platte ihrer Statik und Zeitlosigkeit und gibt ihr eine Richtungstendenz, eine Gerichtetheit der Bewegung und bringt eine räumliche Veränderung. Es entstehen ungleiche Hälften in der Scheibe, die rechte Seite erhält ein Übergewicht, dadurch mutet die Binnenform wie eine perspektivische Darstellung an, drängt uns hin zu einem Erlebnis einer perspektivischen Seitenansicht und bindet uns zugleich zurück zur Fläche, die nun erfüllt ist durch diese mehrdeutige Spannung durch Bewegung. In der dritten Gruppe wird in der Scheibe 4 die Perforation gegen die Mitte hin in die Höhe gerückt. Die Teilung in zwei Hälften wird nun verschoben von ein Drittel zu zwei Drittel. Die starke Frontalität, die Ruhe und Bewegungslosigkeit führen wieder zu einer Dauer und Zeitlosigkeit, aber nun tritt durch das nach Obenverschieben etwas Schwebendes der Perforationsform hinzu, das die Scheibe zu einem virtuellen Raum verwandelt, die die »Binnenzeichen« umgibt und ihr keinen festen Platz zuweist. Die Symmetrie, die Teilung, das Auseinanderlegen ist das Thema der Platte 5. In gleicher Position wie die Vorangehende teilt sich die Form astartig nach oben, in strenger Symmetrie biegen sich rhythmisch gereiht die Formen in die Gegenrichtung aus. Zum Unterschied von Platte 3 ist hier nicht die Spannung allein sichtbar durch die Krümmung, sondern die symmetrische Teilung fixiert diese Binnenform sozusagen in der Fläche, ausgewogen, gleichklingend ohne die räumlichen Perspektiven.
In der nächsten Gruppe wird die Perforationsform in die Mitte gesetzt. Die in der Platte 5 gezeigte Teilungstendenz ist nun in der Platte 6 vollendet, die beiden geteilten Formen werden nun mit ihren »Blattformen« gegen- einander gestellt. Die Bewegungslosigkeit, Zeitlosigkeit und Stille wird hier irritiert durch die Konfrontation der Blattformen. Die Flächigkeit bleibt erhalten, die räumliche Fixierung ist gegeben, aber das gegeneinander der Einzelformen lässt keine Ruhe aufkommen. In der Platte 7 wird die rechte Form gebogen, sie steht der Geraden gegenüber, sie biegt sich Oben und Unten von ihr weg, oder in der Mitte auf sie zu und formuliert so auch räumlich den Gegensatz, das Gegensätzliche an sich. Die Teilung der Form, die Gegenständigkeit dieser Formen und deren Biegung sind das Grundmotiv der fünften Gruppe. Zentriert stehen in der Platte 8 die beiden geteilten Formen gebogen gegeneinander. In der Platte 9 tritt ein drittes Element hinzu, die aus der Grundgestalt des Dreieckes gegeneinander gestellt wird. In ihr ist die konfrontierende Spannung am größten, während in der vierteiligen Version wiederum eine fast klassisch zu nennende Beruhigung eintritt. Das Gegeneinander wird in dieser Platte in die Fläche ausgebreitet.
Dieser Prozess der Differenzierung, der Anreicherung findet in der 6. Gruppe, die nur aus einer und zwar der 11. Platte besteht seinen konzentrierten Schlusspunkt in einer überzeugend einfachen Lösung: im Zentrum der Scheibe wird nun die Stabform zum Kreisausschnitt, von dem strahlenförmig sich die eingeschnittenen Formen mit ihren Rundköpfen nach außen entwickeln und zugleich in sich ruhende und doch bewegungsintensive, gerichtete Formen darstellen. Der vertikale Einschnitt wird zur verdoppelten kreisförmigen Gestalt.
Die rein formale Lesung, herkommend von der Welt des High Tech, stellt sich aber in den Augen des Betrachters selbst in Frage. Das Nirostametall, die Computerpräzision der Perforation sind das eine Element. Moschik ver- wendet dies auch in ihren Schmuckobjekten als Motiv und sie arbeitet in den Materialien Silber und Gold, die sie mattiert um ihnen den weichen traditionellen Glanz zu nehmen. In den elf Schnittstellen verwendet sie das Industriematerial Nirostastahl mit einem matten Glanz. Es kommt ihr darauf an die Scheiben als Körper zu gestalten, Licht und Schatten mit einzubeziehen. Einmal geschieht dies in der Ausstellung dadurch, dass diese Scheiben Schatten werfend schräg vor der Wand stehen. Zugleich verlebendigt sich diese »technische Welt« durch das Spiel von Licht und Schatten auf den Perforationen. Flächigkeit, Raum, räumliche Spannung, Assoziationen der Perspektive liegen auf einer Erlebnisebene. Eine andere sind die organischen Assoziationen, das mögliche Biologisieren dieser lchformen, die von einer Blattassoziation bis zu solchen von Kleintieren reichen können, als Grundteilungen aufgefasst oder als körperliche Aspekte gelesen werden können. Diese Formsymbole sind mehrschichtig, sie lösen in uns Erlebnis- und Assoziationsvorgänge aus, aber sie entziehen sich immer wieder einer mimetischen gegenstandsbezogenen Interpretation. So ist es dem Betrachter überlassen, sich die unterschiedlichen Sehweisen von Objekt zu Objekt, in deren strenger, herber und zurückhaltender Ästhetik sich selbst ein belebendes Bild zu machen- ausgehend von der konzeptuellen, progressiven Grundstruktur dieses Werkes.
Wilfried Skreiner
